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Seite 1 von 3 Gott sagt Ja - Römer 9, 1-8.14-16
Pfr. Dr. Ulrich Zimmermann
Liebe Gemeinde, jetzt wird Paulus persönlich. In seinem Brief an die Gemeinde in Rom, dem längsten Brief des Apostels in der Bibel, hat Paulus in acht langen Kapiteln den römischen Christen vor Augen gemalt, wie Gott uns durch seinen Sohn Jesus Christus Erlösung und ewiges Heil schenkt. Und er schloss diese Ausführungen mit dem wunderbaren Lobpreis, dass nichts „uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn.“1 Jetzt wechselt der Apostel Paulus das Thema. Er wird ernst und feierlich. Er kommt nun auf eine Frage zu sprechen, die ihn in seinem tiefsten Inneren bewegt. Ich lese aus dem neunten Kapitel des Römerbriefes die Verse 1-8 und 14-16 - nach der Übersetzung von Roland Werner, der bei der Allianz-Evangelisation im November unser Referent sein wird:
Ich spreche die Wahrheit aus! Ja, das sage ich in der Verantwortung vor dem Messias und lüge dabei nicht. Und mein Gewissen bestätigt mir das ebenfalls in der Wirklichkeit des heiligen Gottesgeistes. Und zwar, dass ich eine große Traurigkeit und einen unaufhörlichen Schmerz in meinem Herzen empfinde. Denn ich habe mir gewünscht, selbst endgültig ausgestoßen und vom Messias getrennt zu sein anstelle meiner Geschwister, die ihrer Herkunft nach meine Volksangehörigen sind. Ich meine die, die zum Volk Israel gehören. Ihnen gilt ja die Annahme als Söhne und Töchter Gottes, und ihnen zeigte sich auch die gewaltige Herrlichkeit Gottes. Für sie sind auch die verschiedenen Bundesschlüsse da, die Gott gegeben hat, und ihnen gelten auch die Gabe des Gottesgesetzes und die besonderen Tempelgottesdienste und die Zusagen Gottes. Zu ihrem Erbe gehören die Stammeltern und aus ihrer Mitte kommt auch der Messias seiner menschlichen Herkunft nach, er, der Gott über allen ist, hoch gepriesen in alle Ewigkeiten. Amen, so sei es! Dabei ist es ja nicht etwa so, dass das Wort Gottes hinfällig geworden ist. Nicht alle, die aus dem Volk Israel stammen, sind damit schon das wahre Israel. Und genauso gelten nicht alle, die zu den leiblichen Nachkommen Abrahams gehören, dadurch automatisch als seine Kinder. Das betont das Buch Gottes ausdrücklich: »Als deine eigentlichen Nachkommen werden die aus der Linie Isaaks angesehen werden.« Diese Aussage hat diese Bedeutung: Nicht die sind die wirklichen Kinder Gottes, die leibliche Nachfahren sind, sondern die Kinder des Versprechens werden als die wahren Nachkommen angesehen werden. Was sollen wir nun dazu sagen? Ist Gott etwa ungerecht? Auf gar keinen Fall! Etwas Ähnliches ereignete sich bei Mose. Zu ihm sagte Gott: »Ich werde dem mit herzlicher Anteilnahme begegnen, dem ich mit Anteilnahme begegne, und dem mein Mitleid zeigen, dem ich mein Mitleid zeige.« So hängt es also nicht vom Willen oder dem Verhalten eines Menschen ab, sondern von Gott, der uns Menschen in seiner Barmherzigkeit begegnet.
Zeig uns dein königliches Walten, bring Angst und Zweifel selbst zur Ruh. Du wirst allein ganz recht behalten; Herr, mach uns still und rede du. Amen. Gott sagt Ja zu Israel - unwiderruflich Es ist Paulus äußerst wichtig, diese Wahrheit eindeutig und nachdrücklich zu bekräftigen. Einen Satz vorher hatte er ja festgehalten, dass uns nichts von Gottes Liebe trennen kann, die er uns in Christus geschenkt hat. Vielleicht kam dadurch in ihm die Frage auf, wie es sich denn dann mit dem Volk Israel verhält, seinen jüdischen Volksgenossen, die ja in ihrer Mehrheit Jesus nicht als Gottes Sohn und Messias anerkannten, in ihm nicht den Christus sahen. Sind sie dann getrennt von Gottes Liebe? „Nein!“, sagt Paulus klar und eindeutig - der Bund, den Gott vorzeiten mit seinem Volk geschlossen hat, ist immer noch in Kraft. Paulus selbst war ja als frommer Jude zum Glauben an Jesus als den Messias gekommen, nachdem sich ihm Jesus Christus selbst vor Damaskus in den Weg gestellt hatte. Durch diese Offenbarung war ihm klar geworden: Der Weg zu Gott und der Weg zum Heil führt nur noch über Jesus Christus - er ist der erwartete Retter und Messias, den Gott seinem Volk schon lange versprochen hatte. Und dass nun seine jüdischen Geschwister Jesus noch nicht als den von Gott gesandten Messias anerkennen, der ihnen das Heil bringt, das erfüllt Paulus mit tiefer Trauer und mit großem Schmerz. Wenn es möglich wäre, wäre er sogar bereit, des Heils in Christus verlustig zu gehen, wenn seine jüdischen Geschwister es dafür empfangen könnten. Und weil ihn diese Frage so sehr beschäftigt, behandelt er sie nun ausführlich in drei Kapiteln. Offenbar rechnet Paulus damit, dass dieses Thema auch für die Christengemeinde in Rom von Interesse ist. Denn in Rom gab es seit jeher eine starke jüdische Gemeinde, und so gab es auch in der christlichen Gemeinde in Rom viele Gläubige jüdischer Herkunft. Nachdem dann durch Kaiser Claudius die meisten Juden aus Rom vertrieben worden waren, hatten die nichtjüdischen Christen in der Gemeinde die Mehrheit. Vielleicht sahen sie auch etwas hochmütig auf ihre judenchristlichen Geschwister herab. Da schickt sich die junge Gemeinde an, das Volk der Juden zu verurteilen und zu sagen: „Seht ihr, die Ungläubigen, jetzt hat sie Gott verstoßen; sie glauben nicht an Christus!“ Und genau hier setzt Paulus ein und warnt so energisch er kann: „Halt, ihr überheblichen Christen, versteht ihr denn nicht? Die Juden bleiben Volk Gottes, daran gibt es nichts zu rütteln.“ Wäre diese Mahnung von Paulus doch aufmerksamer gehört worden! Denn diese christliche Überheblichkeit gegenüber den Juden, wie sie offenbar auch in der römischen Christengemeinde grassierte, hat durch die Jahrhunderte hindurch gerade auch in unserem Land immer wieder zu offener Judenfeindschaft geführt. Im Mittelalter wurde am Karfreitag oft die berüchtigte „Karfreitagshatz“ veranstaltet, bei der Juden durch die Straßen gejagt und als „Christusmörder“ beschimpft wurden. Die Juden wurden blutig verfolgt - bis hin zum Versuch ihrer physischen Auslöschung im Dritten Reich. Nach 1945 hat die Kirche einsehen müssen, dass der jahrhundertealte Antisemitismus, der zur furchtbaren Katastrophe des Holocaust führte, gerade auch von kirchlicher Seite immer wieder mit vermeintlich theologischen Argumenten befeuert wurde. Denn die ganze Kirchengeschichte hindurch hatte sich bei vielen Christen die Meinung festgesetzt: Weil die Juden Jesus abgelehnt haben, sind sie als Gottes Volk verworfen, und die christliche Kirche ist an ihre Stelle getreten. Wenn wir die Worte von Paulus aus dem Römerbrief lesen, müssen wir eine solche Einstellung ganz klar als unbiblische Irrlehre verwerfen. Schon während des Dritten Reiches verzweifelte Dietrich Bonhoeffer an dieser kirchlichen Form des Antijudaismus, der viele seiner Theologen-Kollegen erfasst hatte; er schrieb: Es „haben die verständigsten Leute ihren Kopf und ihre ganze Bibel verloren.“2 Denn in der Bibel wäre es bei Paulus doch schwarz auf weiß nachzulesen gewesen: Gott hat sein Volk nicht verstoßen, er hat auch nach dem Kommen Christi seinen Bund mit Israel nicht aufgekündigt! Paulus zählt ja eine beeindruckende Reihe von sieben Glaubensgütern auf, die Israel nach wie vor gehören: „Ihnen gilt ja die Annahme als Söhne und Töchter Gottes, und ihnen zeigte sich auch die gewaltige Herrlichkeit Gottes. Für sie sind auch die verschiedenen Bundesschlüsse da, die Gott gegeben hat, und ihnen gelten auch die Gabe des Gottesgesetzes und die besonderen Tempelgottesdienste und die Zusagen Gottes. Zu ihrem Erbe gehören die Stammeltern.“ Schon durch Mose hatte Gott seinem Volk Israel zugesagt: „Ihr seid Kinder des Herrn, eures Gottes.“3 Und diese Zusage hat Gott nie zurückgenommen! Die Juden sind Gotteskinder, es geht nicht mehr deutlicher, sie sind Gotteskinder - noch bevor der eine Gottessohn den Völkern der nichtjüdischen Welt die Gotteskindschaft erwirkt. Gottes Herrlichkeit wohnte unter seinem Volk in der Stiftshütte und im Tempel4 - lange bevor die Nachfolger von Jesus erkannten, dass Gottes Glanz und Herrlichkeit in ihm unter den Menschen wohnten: „Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit.“5 Schon mit Abraham hatte Gott einen Bund geschlossen und versprochen, ihn zum großen Volk zu machen.6 Und nach dem Auszug aus Ägypten hat Gott diesen Bund mit seinem Volk am Berg Sinai ausdrücklich bekräftigt.7 Und Paulus formuliert ausdrücklich in der Gegenwartssprache: „Für sie sind auch die verschiedenen Bundesschlüsse da, die Gott gegeben hat“ - sie sind in Kraft und wurden nie gekündigt. Die Gebote Gottes sagen dem Volk, wie es seinerseits treu dem Bundesschluss mit Gott leben kann und soll. Ein Vorrecht Israels, Gottes gute Lebensordnungen kennen gelernt zu haben am Sinai! Und Jesus sagt in der Bergpredigt: „Ihr sollt nicht meinen, dass ich gekommen bin, das Gesetz oder die Propheten aufzulösen; ich bin nicht gekommen aufzulösen, sondern zu erfüllen.“8 Israel ist das Volk des Gottesdienstes, mit der besonderen Möglichkeit, vor Gott zu stehen. Im Gebet das Gespräch mit ihm zu suchen; im Lesen und Auslegen der heiligen Schrift sich der Zusagen Gottes zu vergewissern; im Singen ihn zu loben und zu preisen. Der Gottesdienst ist zuerst eine Gabe an Israel, auch verbunden mit Opfern im Tempel - und als Paulus im Römerbrief „die besonderen Tempelgottesdienste“ als bleibendes Vorrecht Israels bezeichnete, stand der Tempel noch, und es wurden dort Gottesdienste gefeiert und Opfer dargebracht. Gott hat seinem Volk Israel immer wieder große Verheißungen und Versprechen gegeben: dass er sie zum großen Volk machen und ihnen das gelobte Land schenken will,9 dass er sie bewahrt und erhält, dass er sie nach der Verbannung in ihr Land zurückführen will,10 dass er einen neuen Bund mit ihnen schließen will,11 dass er am Ende der Zeiten von Jerusalem aus sein Reich auf Erden aufrichten wird.12 Diese Verheißungen sind noch nicht alle erfüllt, und Gott hat sie nicht widerrufen. Und zu Gottes Gaben an Israel zählen nicht zuletzt die Erzväter und -mütter Israels, mit denen Gott seine Verheißungsgeschichte mit seinem Volk begann. An ihrer Geschichte zeigt Gott beispielhaft, wie er sich den Menschen zuwendet. Und so ist die Bezeichnung „Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs“ einer der Namen Gottes, der auch für Jesus das Wesen Gottes zutreffend beschreibt.13 Gott sagt Ja zu Israel - unwiderruflich. Daran gibt es nichts zu rütteln, und deshalb gehört diese biblische Aussage von Paulus auch zu den Grundbekenntnissen des christlichen Glaubens. Dabei wird ein weiteres christliches Grundbekenntnis ebenfalls von Paulus bekräftigt:
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