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Seite 1 von 3 Die Umwertung aller Werte - Philipper 3, 7-11
Pfr. Dr. Ulrich Zimmermann
Liebe Gemeinde, was bedeutet Ihnen Christus? Ich biete Ihnen einmal ein paar Antworten an: Ist Christus für Sie einfach eine Gestalt aus der Bibel oder aus der Geschichte? Ist er ein Religionsstifter oder ein moralisches Vorbild? Ist Christus für Sie ein Friedensapostel oder ein Frauenversteher? Oder ist er einfach der Herr und Retter, an den Sie glauben? Wir hören heute einen Abschnitt aus der Bibel, in dem der Apostel Paulus diese Frage für sich beantwortet. Er tut das in einem Brief, den er an die junge Christengemeinde in Philippi schreibt. Er blickt zurück auf die Zeit, bevor er Christus kannte, und auf seine frommen Leistungen, auf die er damals stolz war. Aber dann schreibt er (Philipper 3,7-11 - Übersetzung „Neues Leben“):
Zeig uns dein königliches Walten, bring Angst und Zweifel selbst zur Ruh. Du wirst allein ganz recht behalten; Herr, mach uns still und rede du. Amen.
Die Umwertung aller Werte: Was früher galt, zählt nicht mehr! Was Paulus durch seine Hinwendung zu Christus erlebt hat, ist nichts anderes als die Umwertung aller Werte. Was ihm früher wichtig war, zählt für ihn nichts mehr. Das ist umso erstaunlicher, als Paulus vor seiner Bekehrung zu Christus durchaus einen beeindruckenden Lebenslauf vorzuweisen hatte. Er war durchaus ein ehrenwerter frommer Würdenträger. Gegenüber denen, die in der frommen Welt sonst noch Rang und Namen hatten, brauchte er sich keinesfalls zu verstecken - das betont Paulus in den Versen, die unserem Abschnitt vorausgehen: „Dabei könnte ich weit größeres Selbstvertrauen haben als alle anderen. Wenn andere Grund haben, auf ihre eigenen Anstrengungen zu vertrauen, gilt das für mich erst recht! Denn ich bin das Kind einer rein jüdischen Familie, die zum Stamm Benjamin gehört, und wurde mit acht Tagen beschnitten. Wenn es also je einen wahren Juden gab, so bin ich einer! Und nicht nur das: Ich gehörte zu den Pharisäern, die den strengsten Gehorsam gegen das jüdische Gesetz fordern. Die Gemeinde habe ich unerbittlich verfolgt. Und ich habe das jüdische Gesetz so streng befolgt, dass mir nie jemand etwas nachsagen konnte.“1 Ein vorbildlicher frommer Jude war Paulus früher also gewesen, als er noch Saulus hieß. Und er nahm seinen Glauben so ernst, dass er die junge Gemeinschaft der ersten Christen als Sekte betrachtete, die vom jüdischen Glauben abgewichen war. Deshalb verfolgte er sie unerbittlich - bis sich ihm vor Damaskus der auferstandene Jesus Christus selbst in den Weg stellte und ihn fragte: „Saul, Saul, was verfolgst du mich?“2 Paulus erkannte: Dieser Jesus ist wirklich der lebendige Herr, der durch sein Kreuz und seine Auferstehung das Heil der Welt vollbracht hat. Dieser Jesus ist wirklich der Messias, der Retter, den Gott in die Welt gesandt hat. Und dass dieser Jesus ihn nun dazu berief, seine Botschaft in aller Welt zu verbreiten - dass Jesus ihn, Paulus, als seinen Missionar gebrauchen konnte, obwohl er zuvor die Jesusanhänger ins Gefängnis werfen wollte: das war für Paulus solch eine umstürzende Erfahrung der Gnade und Barmherzigkeit, dass Paulus jetzt nur noch für ihn leben wollte. Deshalb spricht Paulus in seinen Briefen auch nicht einfach von Jesus, sondern von Jesus Christus oder vom Christus Jesus. „Christus“ ist ja nichts anderes als die griechische Entsprechung zum hebräischen Wort „Messias“. Beides bedeutet „der Gesalbte“ und bezeichnet den Retter, den Gott in die Welt schickt. Und fromme Juden wie Paulus erwarteten schon seit langem das Kommen des Messias, wie es Gott in der Bibel durch die Propheten angekündigt hatte. Deshalb trifft es auch nicht zu, was bisweilen zu lesen ist, dass Paulus sich vor Damaskus vom Judentum zum Christentum bekehrt habe. Zum einen hat Paulus sich nicht zum Christentum bekehrt, sondern zu Christus. Ein Christentum als solches gab es damals noch gar nicht. Und zum anderen hat Paulus sich nie vom Judentum losgesagt. Wie Jesus blieb Paulus Jude - mit einem wesentlichen Unterschied: Paulus glaubte nun, dass der Messias, den er mit vielen anderen frommen Juden erwartete, mit Jesus endlich gekommen ist. Durch sein Bekehrungserlebnis vor Damaskus wurde Paulus also vom pharisäischen zum messianischen Juden. Und die messianischen Juden, die ich in Jerusalem kennengelernt habe, legen bis heute Wert darauf, dass sie Juden sind und bleiben - Juden, die an Jesus als den Messias glauben, an Jesus Christus. Paulus blieb Jude - und doch hat sich sein Leben radikal verändert: Seinen Selbstwert macht Paulus nun nicht mehr an seinen religiösen Leistungen fest, sondern an Christus. Paulus hat eingesehen, dass sein früherer religiöser Eifer ein Irrweg war. Sein hohes Engagement und seine strenge Linie bei der Einhaltung göttlicher Gebote, seine fromme Bildung und sein Ansehen - all das sieht er nun als Verlustgeschäft an, nachdem er Christus gewonnen hat. Nur Christus ist für ihn noch von Wert - alles, was ihm früher wichtig war, ist für ihn wertlos geworden. Und das drückt Paulus in seinem Brief an die Christen in Philippi mit einer Schärfe aus, die sich sonst an keiner Stelle findet. So scharf, dass sich fast keine Bibelübersetzung traut, die Worte von Paulus so wiederzugeben, wie sie dastehen. In der Übersetzung „Neues Leben“, die ich vorhin vorgelesen habe, heißt die Passage so: „Früher hielt ich all diese Dinge für außerordentlich wichtig, aber jetzt betrachte ich sie als wertlos angesichts dessen, was Christus getan hat. Ja, alles andere erscheint mir wertlos, verglichen mit dem unschätzbaren Gewinn, Jesus Christus, meinen Herrn, zu kennen. Ich habe alles andere verloren und betrachte es als Dreck, damit ich Christus habe und mit ihm eins werde.“ Paulus hatte seinen Brief ursprünglich auf Griechisch geschrieben, der damaligen internationalen Verkehrssprache, wie es heute Englisch ist. Und seine Leser sprachen auch Griechisch, schließlich liegt die Stadt Philippi in Griechenland. Und ich habe es extra noch einmal im Wörterbuch nachgeschlagen: Das griechische Wort, das hier mit „Dreck“ wiedergegeben wurde, bezeichnet speziell die menschlichen Ausscheidungen, die Exkremente. Auf gut Deutsch: Seine früheren frommen Leistungen interessieren Paulus jetzt einen „Scheißdreck!“ Wen diese Wortwahl in einer Kirche etwas befremdet, den möchte ich darauf verweisen, dass es nicht meine Wortwahl ist, sondern die von Paulus, und dass es so in der Bibel steht. Paulus verwendet hier im Griechischen wirklich das Wort, das im Deutschen mit „Sch...“ anfängt und von dem wir unseren Kindern beizubringen versuchen, dass man so etwas nicht sagt. Warum verwendet Paulus so drastische Worte? Weil er deutlich machen möchte, dass seine Hinwendung zu Christus auch eine klare Abkehr von seinem bisherigen Lebensweg und Glaubensweg bedeutet. Paulus will sagen, dass er das, was einmal ausgeschieden und so ein für allemal erledigt ist, möglichst nicht mehr ansieht oder gar anrührt. Seine Vergangenheit ist für ihn abgetan. Weiter führt Paulus das so aus: „Ich verlasse mich nicht mehr auf mich selbst oder auf meine Fähigkeit, Gottes Gesetz zu befolgen, sondern ich vertraue auf Christus, der mich rettet.“ Darin liegt eine wichtige Unterscheidung. Paulus will keinesfalls den jüdischen Glauben oder gar die göttlichen Gebote als Dreck oder Kot bezeichnen. Nein, er will sagen: „Ich verlasse mich nicht mehr auf mich selbst ..., sondern ich vertraue auf Christus.“ Nicht das Judentum oder Gottes Gebote sieht Paulus jetzt als wertlos an, sondern seinen früheren Irrglauben: „Ich schaffe das schon selbst!“ Früher baute Paulus sein Leben und seinen Glauben ganz auf seine eigene fromme Leistungsfähigkeit. Ich bin es, durch meine eigene religiöse Anstrengung schaffe ich es, die Gebote einzuhalten. Dadurch gefalle ich Gott und komme bei ihm gut an. Paulus kritisiert also nicht das jüdische Religionsgesetz an sich, sondern seine damalige Auslegung und Anwendung dieses Gesetzes, welche die eigene fromme Leistung hervorhebt. Und nun hat Paulus verstanden: Ich gefalle Gott nicht durch das, was ich tue, sondern durch das, was Christus für mich getan hat: Er ist am Kreuz für meine Schuld gestorben, und durch seine Auferstehung eröffnet er mir ein neues, ewiges Leben in Gemeinschaft mit Gott. Übrigens gab es auch schon im damaligen Judentum ein anderes Verständnis der Tora, also der Sammlung der göttlichen Gebote in der Bibel. Diese andere Denkschule sieht den Gehorsam gegenüber Gottes Geboten nicht als menschliche Leistung. Vielmehr ist die Tora eine göttliche Gnadengabe, durch die sich Gott zum Menschen herabbeugt und ihm durch die Befolgung der Gebote einen Weg zum Heil eröffnet. Auch hier liegt schon das wesentliche darin, was Gott für den Menschen tut. Und durch seine Begegnung mit Christus vor Damaskus hat Paulus nun noch tiefer verstanden: Das Heil hängt nicht an unserem menschlichen Tun, sondern an dem, was Gott durch Christus für uns Menschen tut. Und deshalb will er von seinem früheren frommen Leistungsdenken nichts mehr wissen. Seine Hinwendung zu Christus bedeutet für ihn eine Umwertung aller Werte: Was früher galt, zählt nicht mehr.
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