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Predigt 27. Juni 2010
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Römer 14, 10-13 - Gott urteilt gnädiger über uns als wir untereinander

Pfr. Dr. Ulrich Zimmermann

Liebe Gemeinde,

I. Wir Menschen urteilen oft hart übereinander
Das wissen gerade die Jugendlichen am besten, die heute unter uns sind, auch unsere neuen Konfirmanden. Ihr seid in einer Phase, wo Ihr Euch langsam aber sicher vom Elternhaus ablöst und Euch immer stärker fragt: Was will ich, und wer bin ich eigentlich? Es gibt verschiedene Möglichkeiten, seine eigene Identität, seinen eigenen Weg zu finden. Eine Möglichkeit ist, dass man sich gegenüber anderen abgrenzt. Und da können dann auch Jugendliche sehr hart zueinander sein - das erlebt Ihr sicher auch in der Schule. Wenn da einer die falsche Hautfarbe oder Herkunft hat, wenn da einer die falsche Kleidung trägt oder die falsche Musik hört - dann ist er ganz schnell draußen. Da finden sich Cliquen zusammen, die ähnliche Interessen haben, welche Musik man hört oder für welchen Fußballverein man ist oder welche Hose man trägt.
Und Ihr Jugendlichen urteilt nicht nur übereinander, wer dazugehört und wer nicht, sondern Ihr werdet ja auch von Erwachsenen beurteilt. In der Schule steigt der Leistungsdruck und der Notendruck. Ihr wisst selbst am besten: Ohne Schulabschluss hat man kaum eine Chance, einen Beruf zu erlernen, Geld zu verdienen und in der Gesellschaft dazuzugehören. So wird es immer weniger wichtig, was man in der Schule eigentlich lernt. Dafür steigt die Bedeutung des Urteils, das man bekommt - und  das dann im Zeugnis steht. Auch da könnt Ihr erleben: Wir Menschen urteilen oft hart übereinander.
Und leider urteilen auch Christen oft hart übereinander. Denn seit es die Kirche gibt, gab es immer unterschiedliche Ansichten darüber, wie Glaube gelebt werden soll oder wie Gemeinde aussehen soll. Das war schon zu Zeiten des Apostels Paulus nicht anders. In einem Brief an die Christengemeinde in Rom, der auch in der Bibel steht, ermahnt er die Christen dort, nicht übereinander zu urteilen. Ich lese aus dem 14. Kapitel des Römerbriefs die Verse 10 bis 13:

„Also, wer bist denn du eigentlich, dass du deinen Bruder oder deine Schwester verurteilst? Oder du da, wieso verachtest du deinen Mitchristen? Denn es ist doch so: Wir alle werden uns vor dem Richterstuhl Gottes verantworten müssen.
Denn so heißt es in Gottes Buch:
»Das bezeuge ich bei meinem eigenen Leben, spricht Gott der Herr: Die Knie jedes Menschen werden sich vor mir beugen und jeder Mund wird öffentlich Gott anerkennen.«
Also wird jeder einzelne von uns sich selbst vor Gott verantworten müssen. Lasst uns einander also nicht mehr gegenseitig verurteilen! Sondern kommt stattdessen zu diesem Urteil, dass wir unserem Mitchristen keinen Anstoß bereiten und ihm auch keinen Stolperstein in den Weg legen!“

Auch Christen urteilen oft hart übereinander. Und wie wir dem Brief des Apostels Paulus an die Christen in Rom entnehmen können, war das damals nicht anders als heute.
Die Christen in Rom diskutierten damals zum Beispiel darüber, was Christen essen dürfen, ob sie bestimmte Speisevorschriften einhalten müssen oder ob sie nach altem jüdischem Brauch den Samstag als Ruhetag einhalten sollen.
Heute wird unter Christen über andere Fragen diskutiert: Als ich früher im Jugendkreis war, gab es bei uns heiße Diskussionen darüber, ob man als Christ tanzen darf oder ob man als Christ zur Bundeswehr geht. Heute gibt es in unseren Gemeinden Auseinandersetzungen über die Fragen: Welche Musik wird im Gottesdienst gespielt und gesungen? Aus welcher Bibelübersetzung wird gelesen? Oder zwischen Gemeinden wird darüber gestritten, ob die Kirche zuallererst missionarisch die Botschaft von Christus verkünden soll oder ob Kirche vor allem ihre soziale Verantwortung in der Gesellschaft wahrnehmen muss. Ob man die Bibel wörtlich nehmen muss oder ob man sie kritisch auslegen und hinterfragen darf. Und zwischen verschiedenen Kirchen ist umstritten, ob man Kinder oder Erwachsene tauft, ob man zu Heiligen betet oder nur zu Jesus und und und ...
Und mein Eindruck ist: Je frömmer eine Gemeinde ist, um so härter wird übereinander geurteilt. Denn gerade in einer lebendigen Gemeinde, wo Glaube und Kirche sehr bewusst gelebt wird, da gibt es eben viele, die meinen, den Glauben besonders gut verstanden zu haben. Und dann wird schnell über den anderen geurteilt: Wenn du dich so oder so verhältst, wenn du deinen Glauben nicht so lebst wie ich, dann bist du kein richtiger Christ.



 
 
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