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Predigt 20. Juni 2010
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Mir ist Erbarmung widerfahren - 1. Timotheus 1, 12-17

Pfr. Dr. Ulrich Zimmermann

Liebe Gemeinde,
Jens, 18 Jahre, hat eine Karriere als Junkie hinter sich. Erst waren es die einfacheren Drogen, dann später auch die harten. Um an Geld für die Drogen zu kommen, hat er erst alles, was er hatte, zu Geld gemacht, später dann auch kleinere Eigentumsdelikte begangen, nachdem er erst seinen Eltern immer wieder Geld entwendet hat. Zwei Jahre hat er so gelebt, bis er sich einer Therapie unterzogen hat. Rund ein Jahr war er in einer therapeutischen Einrichtung, hat dort seinen Schulabschluss gemacht und sucht nun nach einer Möglichkeit, einen Beruf zu erlernen. Was wird Jens jetzt erleben, mit seiner Vergangenheit? Wenn er sich um eine Ausbildung in einem Handwerksbetrieb oder in der Verwaltung einer Firma bewirbt - wird man ihm dann vorhalten, dass er schließlich schon gestohlen hat? Wenn er sich in einem Krankenhaus als Krankenpfleger bewirbt - wird man ihn in einer Klinik anstellen, wo er Zugang zu Medikamenten hätte, oder gibt man ihm eine Chance?
Es kann auch für junge Menschen schon schlimme Folgen haben, wenn ein Mensch immer wieder auf seine Vergangenheit festgenagelt wird. Für die heutige Predigt hören wir eine Art Lebensbericht von einem, der dankbar dafür ist, nicht ständig auf seine Vergangenheit festgelegt zu werden. Ich lese aus dem ersten Brief des Apostels Paulus an Timotheus, im ersten Kapitel die Verse 12 bis 17 (nach der Übersetzung „das buch“ von Roland Werner)

I. Mir ist Erbarmung widerfahren
Da reitet einer im gestreckten Galopp auf der staubigen Straße von Jerusalem nach Damaskus. Hass und Zorn stehen ihm ins Gesicht geschrieben. Heiliger Eifer treibt ihn an. Er hat es eilig. Seine Begleiter haben Mühe, ihm hinterherzukommen. Er ist einigen Leuten hinterher, die aus Jerusalem geflohen sind. Hastig hatten sie ihre sieben Sachen gepackt und waren aus der Stadt geflüchtet. Christen nannten sie sich. Stephanus, einer von ihren Gemeindehelfern, war gesteinigt worden. Angst, es könnte ihnen ähnlich ergehen, hatte sie ergriffen. Darum nur weg aus Jerusalem. Irgendwohin, wo die Religionsbehörden großzügiger sind. Aber sie sollen nicht weit kommen. Denn Saulus ist ihnen auf den Fersen.
In Tarsus in Zilizien ist er als Sohn reicher Kaufleute aufgewachsen, Schüler des berühmten Gesetzeslehrers Gamaliel ist er – und der ganze Stolz der theologischen Schule Jerusalems mit der Aussicht auf eine glänzende Karriere.
Aber jetzt hat er seine Bücher zurückgelassen. Im Augenblick scheint ihm etwas anderes wichtiger zu sein: Er hat es auf die Christen abgesehen. Auf jene Gesetzesbrecher und Frevler am Glauben der Väter. Jene Leute, die diesem Jesus nachgelaufen sind zu dessen Lebzeiten und die nun die abenteuerlichsten Geschichten erzählen: er sei von den Toten auferstanden und er sei der Sohn Gottes, des Hochgelobten! Welch eine ungeheuerliche Behauptung, welch eine Lästerung des einzigen Gottes! Gefangennehmen will er sie, verhaften und gefesselt nach Jerusalem bringen, damit sie angeklagt und verurteilt werden, damit ihnen das Lügenmaul gestopft und die Flausen ausgetrieben werden!
Szenenwechsel! Derselbe Mann, von dem eben die Rede war – Paulus, so nennt man ihn inzwischen – steht am Hafen von Cäsarea am Meer in Palästina. Nun selbst in Ketten. Er soll nach Rom an den kaiserlichen Gerichtshof verbracht werden. Er muss sich dort verantworten. Und ihm droht die Todesstrafe!
Alt ist er geworden und grau. Sein entsagungsvolles Leben hat Spuren in seinem Gesicht hinterlassen. Viele Male war er im Gefängnis gelegen. Mehrmals hatte man ihn ausgepeitscht. Regen und die sengende Sonne Kleinasiens haben seine Haut gegerbt. Fast die ganze damals bekannte Welt hat er bereist. Da und dort hat er Zuhörer gefunden, er hat Gemeinden gegründet, und viele haben seinen Worten Glauben geschenkt. In manchen Städten aber hat man ihn mit Schimpf und Schande davongejagt, hat ihn ausgelacht und verspottet. Mit seiner Botschaft musste er sich vor Gericht verantworten. Volksaufstände hat er ausgelöst und darum Redeverbot bekommen. Die Schriftgelehrten und Pharisäer, seine früheren Freunde und Weggefährten, hat er gegen sich aufgebracht. Sein Hab und Gut hat er drangegeben, seine Gesundheit ruiniert. Und das alles für das eine Ziel: die Botschaft von Jesus Christus, dem Heiland der Welt, den Menschen zu bringen. Ihnen seine Liebe vor Augen zu malen. Von seiner Barmherzigkeit und Gnade zu reden. Seinen Namen groß zu machen. Ihnen zu bezeugen: Christus ist für uns gestorben, als wir noch Sünder waren. Er hat uns freigekauft von Schuld und Sünde. Wir dürfen neu anfangen, neue Menschen werden!
Alles, was mir früher wichtig war, so sagt er, meine Ausbildung, mein guter Ruf, mein Ansehen, mein Prestige, das alles bedeutet mir gar nichts mehr. Im Gegenteil! Es hat mir nur geschadet. Nur Christus will ich noch verkündigen. Nur noch ihm dienen, ihm nachfolgen und aus der Kraft seiner Liebe leben!
Was ist mit diesem Mann passiert? Was hat sein Leben so radikal verändert? Was hat die Menschen, die er vorher verfolgt hat, dazu gebracht, ihm zu vertrauen, ihn aufzunehmen? Wie kam es zu der großen Wende in seinem Leben?
Viele kennen die Geschichte: Auf seinem Weg damals nach Damaskus ist Christus selbst ihm in den Weg getreten. Diese im wahrsten Sinne des Wortes umwerfende Begegnung hat sein Leben verändert. In Jerusalem war er noch der kraftstrotzende, kühne Organisator – nach Damaskus führte man ihn blind hinein. Klare Zielvorstellungen standen am Anfang seiner Reise – aber dann wurden seine Pläne buchstäblich durchkreuzt! Der, den er bekämpfte, Jesus von Nazareth, der wurde sein Herr, der nahm ihn in seinen Dienst, der wendete sein Leben. Die Gemeinde von Jesus wollte er vernichten, und dann hat er mehr für die Ausbreitung des Evangeliums getan als irgendein anderer vor oder nach ihm! Er meinte für eine heilige Sache zu streiten, aber Gott hat ihm die Augen geöffnet.
Würden wir einen Brandstifter zum Feuerwehrhauptmann machen? Natürlich nicht! Aber so handelt Gott. Paulus mag es selbst nicht für möglich gehalten haben. Und in der Rückschau auf sein Leben kann er nur bekennen: Ein Lästerer war ich und ein Verfolger der Gemeinde, ein Frevler und unter den Sündern der Allerschlimmste. Aber – und das war von nun an sein Bekenntnis – „Jesus, der Messias, ist in die Welt gekommen, um Sünder zu retten.“ Menschen mit Vergangenheit haben eine Chance. Versager sind willkommen. Die, die nichts zu bringen haben als ihre Schuld, ihre Sünde, ihre Ablehnung gegen Gott, die nichts vorzuweisen haben als leere Hände, die sind ihm recht.
Alles ist Gnade - auch bei uns. Letztes Wochenende war ich verreist, da ich ein Ehemaligentreffen in der Nähe von Heidelberg besuchte. Dort ging ich auch am Sonntag zum Gottesdienst und kam anschließend beim Kirchenkaffee mit einem älteren Mann im Gespräch. Er erzählte mir, dass er 18 Jahre lang im Gefängnis war. Er hat nicht gesagt, weswegen, und ich habe auch nicht nachgefragt. Aber wenn er 18 Jahre gesessen hat, muss er schon etwas Größeres angestellt haben. Nachdem er also früher ein Leben geführt hat, das sich in Vielem bestimmt nicht nach Gottes Geboten richtete, hat er inzwischen zu Gott zurückgefunden. Hier kann einer wie Paulus sagen: „Mir ist Erbarmung widerfahren.“ Gott nagelt mich nicht auf meine Vergangenheit fest. Auch meine Schuld hat Christus am Kreuz getragen, er schenkt mir einen neuen Anfang. Dieser Glaube gab ihm neuen Halt im Leben - auch dann, als sein Enkel beim Amoklauf von Winnenden ums Leben kam. Und nicht nur sein Glaube gab ihm Halt, sondern auch die Gemeinschaft in der Kirchengemeinde, die ihn freundlich aufnahm. Dass sie das wirklich tat, konnte ich daran ablesen, wie herzlich und offen die Gemeindeglieder dort mit ihm umgingen. Auch sie gaben diesem Mann eine neue Chance und nagelten ihn nicht ständig auf seine Vergangenheit fest.
Die wenigsten von uns haben wahrscheinlich eine so radikale Lebenswende erlebt wie Paulus oder jener ältere Mann, von dem ich gerade erzählt habe. Ich selbst bin in einem gut bürgerlichen und kirchlich geprägten Elternhaus aufgewachsen. Ein solches Vorher und Nachher, erst ohne Christus, dann mit Christus wie bei Paulus - das gibt es in meiner Lebensgeschichte so nicht. Paulus und jener ältere Mann können sagen: Mir ist Erbarmung widerfahren - bei Jesus Christus werde nicht auf meine Vergangenheit festgenagelt, sondern bekomme eine neue Chance. Alles ist Gnade und nicht mein Verdienst.
Doch selbst wenn die meisten von uns nicht solch eine radikale Lebenswende vorweisen können - auch bei uns „Gutbürgerlichen“ ist alles Gnade! Auch wenn wir vielleicht keine Verbrecher sind - ich behaupte, dass wir im Kern nicht weniger gottlos sind. Unsere Absage an Gott besteht vielleicht nicht in einem so offensichtlichen und groben Verstoß gegen Gottes Gebote, wie es bei einem Mord oder einer Vergewaltigung der Fall ist. Unsere Absage an Gott besteht eher in der Überzeugung, alles selbst im Griff zu haben und Gott nicht zu brauchen. Wie auf einem Plakat, das in letzter Zeit öfter zu sehen war: „Am Anfang waren Himmel und Erde. Den ganzen Rest haben wir gemacht. Das Handwerk.“ Nichts gegen Handwerker und ihre Image-Kampagne - die wahrscheinlich nicht von den Handwerkern selbst gemacht wurde, sondern von Werbestrategen. Aber aus diesem Werbespruch spricht daraus doch eine gewisse menschliche Selbstüberschätzung: Gott darf vielleicht noch die Welt erschaffen, aber den Rest kriegen wir schon alleine hin.
Diese Gefahr der menschlichen Selbstüberschätzung gibt es auch in frommen Berufen. Als Pfarrer muss ich mir auch immer wieder sagen, dass eine gute Predigt ihren letzten Grund nicht in meiner theologischen Gelehrsamkeit hat, sondern ein Geschenk Gottes ist. Dass ich auf das bescheidene und demütige Gebet angewiesen bin, dass Gott mir sein Wort aufschließt und mir die Gnade schenkt, es vollmächtig auszurichten. Und wenn mir dann eine Predigt gelungen ist, dann kann ich nur sagen: Alles ist Gnade - Gott hat sich erbarmt und mir die richtigen Worte geschenkt.
Wie gesagt: Auch wenn wir keine Straftäter sind - keiner von uns ist frei von der krankhaften Selbstbezogenheit, die Beziehungen zerstört, durch die wir an Gott und an anderen Menschen schuldig werden. Und auch da tut es gut, nicht ständig auf die alten Fehler festgelegt zu werden, sondern hören zu dürfen: Gott vergibt mir durch Jesus Christus, ich darf neu anfangen - mir ist Erbarmung widerfahren.
Und weil ich Erbarmen mit Ihnen habe, liebe Gemeinde, mache ich die nächsten beiden Punkte etwas kürzer:



 
 
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