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Seite 1 von 4 Philipp Melanchton - über die Kindertaufe
Pfr. Dr. Ulrich Zimmermann
Liebe Gemeinde, 2010 ist ein Melanchthonjahr. Im April haben wir den 450. Todestag des Kirchenlehrers Philipp Melanchthon begangen, der auch ein enger Freund des Reformators Martin Luther war. Heute Morgen haben wir zwei kleine Kinder getauft. Auch zur Zeit von Melanchthon und Luther gab es schon Diskussionen über die Frage, ob man Kinder überhaupt schon taufen kann oder darf. Philipp Melanchthon hat sich über diese Frage viele Gedanken gemacht, die ich jetzt gerne mit Ihnen teilen möchte. Und was Melanchthon über die Kindertaufe geschrieben hat, ist nicht nur für Tauffamilien interessant. Denn für Melanchthon war auch die Frage sehr wichtig, was ich denn als Erwachsener damit anfange, dass ich als Kind getauft worden bin. Deshalb können seine Ausführungen jedem von uns wichtige Anregungen geben.
Gott schenkt schon den Kindern seine Gnade Melanchthons erstes Argument für die Kindertaufe lautet: Gott schenkt schon den Kindern seine Gnade. Das wird uns ja allein schon durch den Vollzug einer Kindertaufe wie heute Morgen deutlich. Denn ein kleines Kind kann noch nichts leisten, um sich die Liebe Gottes zu verdienen, und ein Säugling oder Kleinkind kann sich noch durch keine hochstehenden moralischen Leistungen der Zuwendung Gottes als würdig erweisen. Und doch spricht Gott es in der Taufe schon solch kleinen Kindern wie N.N. und N.N. zu: Ich habe dich lieb, ich habe dich erlöst, du gehörst zu mir. Für Melanchthon war es wichtig, das auch aus der Bibel zu begründen. Denn er hielt nicht nur Vorlesungen an der Universität, sondern zog auch durch die Lande und besuchte die noch jungen evangelischen Gemeinden. Bei diesen so genannten Visitationen versuchte er den dortigen Pfarrern Hilfestellungen zu geben, wie sie das evangelische Gemeindeleben gestalten können. Diese Pfarrer berichteten Melanchthon auch, dass in ihren Gemeinden immer wieder heftig über die Kindertaufe diskutiert werde. Sie baten Melanchthon, ihnen für diese Auseinandersetzungen ein paar Argumente an die Hand zu geben. Melanchthon setzte sich an den Schreibtisch und schrieb als erstes folgendes Argument auf:1 „Die unmündigen Kinder wurden im Alten Bund beschnitten, also darf man sie im Neuen Bund auch taufen. Denn auf beiden Seiten ist sowohl die Beschneidung als auch die Taufe ein Zeichen der verheißenen Gnade und des ewigen Lebens. Von der Beschneidung steht Folgendes geschrieben: ‚Ich will ihr Gott sein‘.2 Von der Taufe Folgendes: ‚Wer glaubt und getauft wird, wird gerettet werden.‘“3 Das ist für Melanchthon ein wichtiges Argument aus der Bibel: Im Alten Testament ist zu lesen, dass die Kinder, genauer gesagt die Knaben, schon im Alter von acht Tagen an ihrer Vorhaut beschnitten wurden. Das war das Zeichen dafür, dass sie zu Gottes auserwähltem Volk Israel gehören. Und für die Juden ist die Beschneidung bis heute das Zeichen des Bundes zwischen Gott und seinem Volk. Und daraus schließt Melanchthon: Schon im Alten Testament gebietet Gott seinem Volk, die Kinder durch die Beschneidung in seinen Bund mit Israel aufzunehmen. Gott will also, dass schon die Kinder zu ihm gehören, möchte auch ihnen seine Liebe, Gnade und Vergebung schenken. Und nach diesem biblischen Beispiel, sagt Melanchthon, ist es richtig, dass wir in der Kirche schon die Kinder taufen - denn Jesus hat seinen Jüngern die Taufe mitgegeben als Zeichen für alle Menschen, die zu seiner Kirche und in Gottes Reich gehören. Das macht Melanchthon auch an der Geschichte von der Kindersegnung fest, die wir vorhin gehört haben: Jesus ruft die Kinder zu sich, nimmt sie in die Arme und segnet sie. Und wenn er die Kinder aufnimmt und segnet, bringt er damit nach Melanchthons Worten zum Ausdruck, „dass er sie zu Gnaden genommen hat und dass er sie dem Vater befohlen hat, sie zu heiligen und zu erhalten.“4 Jesus möchte also schon die Kinder seinem himmlischen Vater anvertrauen und sie von Gottes Gnade umfangen wissen. Und auch das ist für Melanchthon wichtig: Jesus hat sich für seine Kirche einen ganz bestimmten Weg ausgedacht, wie wir Gottes Gnade und Vergebung empfangen. Und zwar dadurch, dass wir sein Wort hören und die Sakramente empfangen, also die Taufe und das Abendmahl als sichtbare und fühlbare Zeichen der Gnade Gottes. Und das tun wir auch in diesem Gottesdienst. Nicht nur für die Tauffamilie, sondern für jeden, der heute Morgen gekommen ist, ist dieser Gottesdienst eine wunderbare Gelegenheit: Wir hören aus Gottes Wort, dass er uns liebt und uns gnädig ist. Wir haben eine Taufe miterlebt - und jeder, der getauft ist, kann dabei im Stillen für sich ein Dankgebet sprechen: „Danke, Gott, dass ich auch getauft bin, dass ich Dein Kind sein darf und dass Du mich liebst.“ Und wenn wir nachher noch miteinander das Abendmahl feiern und Brot und Wein miteinander teilen, wie es Jesus uns aufgetragen hat - dann kann dabei auch jeder neu für sich im Glauben in Anspruch nehmen, dass Jesus für unsere Sünden gestorben ist und uns ein neues, ewiges Leben schenkt. Und das war für Melanchthon sehr wichtig: Wenn Gott uns durch sein Wort und Sakrament seine Liebe und Gnade zuspricht, und wenn Gott seine Gnade und Vergebung schon den Kindern schenken will - dann dürfen wir den Kindern das Sakrament der Taufe nicht vorenthalten, durch das er ihnen seine Gnade schenkt. Denn:
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